Im Gegensatz zu vielen klassischen Erste-Hilfe-Apps, die vor allem als Nachschlagewerke dienen und umfangreiche Texte bereitstellen, verfolgt „helpingHand“ einen deutlich praktischeren Ansatz. Nutzer geben einfach die beobachteten Symptome ein, beispielsweise Atemnot, Schmerzen oder Bewusstseinsveränderungen. Die App analysiert diese Eingaben und liefert sofort konkrete, strukturierte Handlungsschritte. Damit übernimmt sie eine der schwierigsten Aufgaben für Laien, nämlich die Zuordnung von Symptomen zu einem möglichen Krankheitsbild.
Der Nutzen liegt auf zwei Ebenen. Einerseits erhalten Betroffene schneller die richtigen Maßnahmen, was im Ernstfall lebensentscheidend sein kann. Andererseits profitieren die Ersthelfer selbst: Ein klar strukturierter Ablauf reduziert Stress, gibt Sicherheit und verhindert, dass wertvolle Zeit durch Unsicherheit oder Angst verloren geht. Gerade diese Kombination aus praktischer Hilfe und psychologischer Entlastung macht den Ansatz der App besonders relevant.
Wichtig bleibt dabei die Einordnung: Die App ersetzt keine professionelle medizinische Versorgung. Sie dient ausschließlich als Unterstützung bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes.
Doch wie entsteht eine solche Idee und welche Überlegungen stecken hinter der Umsetzung? Darüber haben wir Simon Ittensammer, Entwickler der App und Mitarbeiter der SIWA Online GmbH, gesprochen.
#schongenial: Was hat dich dazu bewegt, eine App im Bereich Erste Hilfe zu entwickeln?
Simon Ittensammer: Nach meiner Ausbildung an der HTL habe ich meinen Zivildienst als Sanitäter im Rettungsdienst beim Roten Kreuz Oberösterreich absolviert. In dieser Zeit und auch danach, als ich weiterhin freiwillig als Rettungssanitäter tätig war, habe ich immer wieder erlebt, dass Ersthelfer bei Notfällen stark überfordert sind.
Viele Menschen wollen helfen, wissen aber schlicht nicht, welche Maßnahmen in der konkreten Situation richtig sind. Dazu kommt oft die Angst, etwas falsch zu machen und dadurch vielleicht sogar Schaden anzurichten. Diese Unsicherheit führt leider häufig dazu, dass gar nicht oder nur sehr zögerlich geholfen wird.
#schongenial: Welche konkreten Situationen deckt deine App ab und wo liegt der größte Nutzen?
Simon Ittensammer: Die App konzentriert sich ganz klar auf akute medizinische Notfälle. Ein typisches Beispiel wäre etwa eine plötzlich auftretende Atemnot, aber auch viele andere kritische Situationen können abgedeckt werden.
Ganz wichtig ist mir dabei die klare Abgrenzung: Die App ist ausschließlich als Unterstützung gedacht. Sie ersetzt keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung durch Fachpersonal. Ihr Zweck ist es, Ersthelfern in den entscheidenden Minuten vor dem Eintreffen des Rettungsdienstes Orientierung zu geben.
Der größte Nutzen liegt meiner Meinung nach in zwei Punkten. Zum einen wird dem Patienten durch die richtigen Maßnahmen unmittelbar geholfen, was den Verlauf eines Notfalls positiv beeinflussen kann. Zum anderen sorgt der strukturierte Ablauf dafür, dass die Ersthelfer ruhiger und fokussierter agieren.
#schongenial: Wie stellst du sicher, dass die Inhalte medizinisch korrekt sind?
Simon Ittensammer: Bei der Erstellung der Inhalte habe ich mich konsequent an die Lehrmeinung für Rettungssanitäter beim Oberösterreichischen Roten Kreuz gehalten. Diese bildet eine fundierte und praxisnahe Grundlage, auf die ich mich verlassen konnte.
#schongenial: Wie gestaltet man eine App, die auch in Stresssituationen leicht verständlich ist?
Simon Ittensammer: Ein zentraler Fokus bei der Entwicklung war die maximale Vereinfachung der Benutzeroberfläche. In einer Notfallsituation bleibt keine Zeit, sich durch Menüs zu klicken oder komplexe Strukturen zu verstehen. Deshalb habe ich bewusst auf typische Elemente wie Tab-Leisten oder mehrere Navigationsebenen verzichtet, wie man sie von Apps wie WhatsApp oder Instagram kennt. Stattdessen sieht der Nutzer beim Öffnen der App im Wesentlichen nur ein einziges Eingabefeld, das den gesamten Bildschirm einnimmt.
Das minimiert die Gefahr von Fehlbedienungen und sorgt dafür, dass man sofort weiß, was zu tun ist. Sobald ein Symptom eingegeben wird, erscheinen direkt die passenden Maßnahmen. Weitere Funktionen sind bewusst in den Hintergrund gerückt und nur über einen kleinen Menü-Button erreichbar. Das Ziel war, die kognitive Belastung so gering wie möglich zu halten und den Nutzer intuitiv durch die Situation zu führen.
#schongenial: Welche Rückmeldungen hast du bisher von Nutzern erhalten?
Simon Ittensammer: Die Rückmeldungen waren bisher durchwegs positiv. Viele Nutzer schätzen vor allem die einfache Bedienung und den klaren Aufbau der App.
#schongenial: Was war technisch oder inhaltlich die größte Herausforderung bei der Entwicklung?
Simon Ittensammer: Die größte Herausforderung bestand darin, die vorhandenen Inhalte aus den Lehrunterlagen in eine Form zu bringen, mit der ein digitales System arbeiten kann. Die Informationen liegen ursprünglich in ausführlicher Textform vor. Für die App mussten diese Inhalte jedoch in ein strukturiertes Datenmodell überführt werden, das es ermöglicht, Symptome, Krankheitsbilder und Maßnahmen logisch miteinander zu verknüpfen.
Dieser Schritt war sowohl technisch als auch konzeptionell sehr anspruchsvoll, weil die Daten so aufbereitet werden mussten, dass sie schnell, zuverlässig und sinnvoll ausgewertet werden können.
#schongenial: Welche Rolle spielt die KI in dieser App?
Simon Ittensammer: Grundsätzlich kann künstliche Intelligenz in Notfallsituationen durchaus hilfreiche Unterstützung leisten und ähnliche Handlungsempfehlungen geben. Ich habe mich in meinem Projekt jedoch bewusst dagegen entschieden. Ein wichtiger Grund ist, dass die App vollständig offline funktionieren soll, was mit KI-Lösungen oft nicht einfach umzusetzen ist.
Zudem besteht bei Sprachmodellen wie ChatGPT immer ein gewisses Restrisiko, dass falsche oder ungenaue Informationen generiert werden. Auch wenn dieses Risiko klein ist, wollte ich in einem so sensiblen Bereich wie der Ersten Hilfe möglichst darauf verzichten. Bei einer klar regelbasierten, algorithmischen Lösung lässt sich die Genauigkeit und Nachvollziehbarkeit der Inhalte aus meiner Sicht besser kontrollieren.
#schongenial: Vielen Dank für das Interview und die spannenden Einblicke.