Die Welt im Spiel verstehen und neu denken

Engagement & Wissenswertes
Angelika Pohnitzer, 2030 SDGs Game, #schongenial
Angelika Pohnitzer
Angelika Pohnitzer | Fotocredit: Toferer Wien

Zeit, Geld, Projekte und persönliche Ziele: Das 2030 SDGs Game ist ein interaktives, kartenbasiertes Simulationsspiel, das die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) der Vereinten Nationen erfahrbar macht. Die Teilnehmenden schlüpfen in unterschiedliche Rollen und gestalten gemeinsam eine Welt bis zum Jahr 2030.

Dabei erleben sie unmittelbar, wie eng wirtschaftliche, ökologische und gesellschaftliche Entscheidungen miteinander verwoben sind und wie individuelle Handlungen das große Ganze beeinflussen. Was zunächst spielerisch wirkt, führt oft zu tiefgehenden Aha-Momenten. In Österreich wird das Spiel unter anderem von Angelika Pohnitzer begleitet. Als Initiatorin und Facilitatorin unterstützt sie Menschen dabei, globale Zusammenhänge im Kleinen zu erleben. Im Gespräch erzählt sie von ihrem Weg zum Spiel, von wiederkehrenden Dynamiken und davon, warum ein Spiel manchmal mehr bewegen kann als ein Vortrag.

 

#schongenial: Dein beruflicher Weg führt heute mitten in die Welt der Nachhaltigkeit und der Transformationsbildung. Welche Erfahrungen, Wendepunkte oder vielleicht sogar Zufälle haben dich dorthin gebracht, wo du heute stehst?

Angelika Pohnitzer: Durch mein Studium der Soziologie und Psychologie und später an der Diplomatischen Akademie in Wien habe ich bereits recht früh ein tiefes Verständnis für systemische und auch globale Zusammenhänge entwickelt. Meine Leidenschaft sind die Themen Führung, Management und Zusammenhalt, also neue Wege des miteinander Seins und Arbeitens.

Durch ein Format zu neuen Führungsmethoden in einer integralen Gemeinschaft, in der ich damals aktiv war, bin ich eher zufällig zur Soziokratie gekommen. Während einer Ausbildung zur soziokratischen Gesprächsführung war ein Teilnehmer dabei, der eng mit den Erfindern des 2030 SDGs Games zusammengearbeitet hat. Er hat mich zur Online-Version eingeladen und dieses Erlebnis hat bei mir sofort gezündet. Als nach der Pandemie wieder Facilitator-Trainings in Europa angeboten wurden, habe ich zu meiner Kollegin gesagt: Da müssen wir hin. Das Spiel ist ein großartiges Werkzeug zur Bewusstseinsbildung und passt perfekt zum Sustainability- und Social-Change-Programm von Leadership Associates.

#schongenial: Das 2030 SDGs Game gilt als spielerischer Zugang zu sehr komplexen globalen Themen. Was hat dich persönlich so überzeugt, dass du gesagt hast: „Das will ich selbst in die Welt tragen“?

Angelika Pohnitzer: Was mich überzeugt hat, war mein eigenes Erleben des Spiels. Ich habe zuerst die Online-Version gespielt – Possible World – und war sofort von den Aha-Momenten beeindruckt, die dabei entstehen. Im 2030 SDGs Game, also in der kartenbasierten Variante, die wir vor Ort anbieten, sind sie meiner Erfahrung nach noch eindrücklicher.

Mich begeistert außerdem die Haltung der Spieleentwickler:innen. In der Facilitator-Ausbildung wird sehr betont, dass wir nicht werten, sondern allen möglichen Welten denselben Raum geben. Das ist manchmal gar nicht so leicht, weil wir ja alle unsere eigenen Vorstellungen darüber mitbringen, was getan oder nicht getan werden soll. Aber genau diese Offenheit macht das Spiel so wirkungsvoll.

Egal, wie sich die Welt im Spiel entwickelt: Wir lernen aus jeder Variante. Diese Kombination aus Erlebnis, Erkenntnis und Offenheit hat mich überzeugt. Das möchte ich unbedingt weitergeben.

#schongenial: Du leitest Workshops in Unternehmen, Universitäten und NGOs. Welche Dynamiken beobachtest du dabei immer wieder und was verraten sie über unsere Fähigkeit, gemeinsam an einer nachhaltigen Zukunft zu arbeiten?

Angelika Pohnitzer: Wir spielen das 2030 SDGs Game bereits mit Kindern ab zehn Jahren, und eine Dynamik zeigt sich fast überall: die tief sitzende Orientierung auf „mehr und mehr“ oft ohne zu fragen, wie dieses Mehr eigentlich erreicht werden soll. In vielen Gruppen rennen die Spielenden zuerst dem Geld nach, selbst wenn manche von ihnen im Spiel ganz andere Ziele haben, wie mehr Freizeit oder Umweltschutz.

In Unternehmen und Schulen passiert das besonders stark, während im Non-Profit-Bereich häufig das Gegenteil sichtbar wird: Dort übersehen Teilnehmende manchmal den wirtschaftlichen Aspekt. Beide Extreme zeigen, wie wichtig es ist, das Gesamtsystem im Blick zu behalten.

Was auch immer sichtbar wird: Sobald Menschen ihre persönlichen Ziele erreicht haben, fällt es ihnen viel leichter, über den eigenen Tellerrand zu schauen und gemeinsam zu agieren. Wenn wir im Spiel die Aufmerksamkeit auf das gemeinsame Ziel lenken, fördert das fast immer Zusammenarbeit und Koordination.

Ein weiteres häufiges Aha-Erlebnis, vor allem im NGO-Bereich, ist die Erkenntnis, dass eigentlich genug Geld in der Welt ist. Es muss nur seinen Platz finden. Und dafür ist es entscheidend, über Prinzipien, Werte und Ziele zu sprechen. Insgesamt spiegelt das Verhalten im Spiel sehr gut wider, wie Menschen und Gruppen auch in der Realität denken und handeln.

#schongenial: Viele berichten nach dem Spiel von überraschenden Einsichten. Gibt es ein Feedback oder einen Moment, der dich selbst besonders beeindruckt hat?

Angelika Pohnitzer: Ja, da gibt es viele. Einmal hat jemand in der Reflexion erzählt, dass das Geldziel, das normalerweise recht leicht zu erreichen ist, für sie sehr schwierig war. Während andere schnell Reichtum anhäuften, war sie durch ihre Ausgangssituation und die Projekte, die sie hatte, sehr frustriert.

Sehr eindrücklich war auch ein Führungskräftetraining für Frauen im Non-Profit-Bereich. Alle anderen hatten sich zum Austausch an einem Tisch in der Mitte zusammengefunden, nur eine Teilnehmerin stand abseits und versuchte alles allein zu lösen. In der Reflexion sagte sie: „Das mache ich im echten Leben genauso.“

Die stärksten Einsichten entstehen oft über die eigene Person: Wie habe ich gehandelt? Warum? Und wie spiegelt sich das in meinem Alltag wider? Viele Teilnehmende melden sich auch Wochen später noch und erzählen, wie sehr das Spiel nachgewirkt hat – das ist immer besonders schön.

#schongenial: Welche Rolle kann ein Spiel wie dieses in der gesellschaftlichen Transformation spielen?

Angelika Pohnitzer: Für individuelle wie gesellschaftliche Transformation ist Bewusstsein der Ausgangspunkt. Und genau hier ist ein Spiel unglaublich wirksam. Es schafft spielerisch Offenheit fürs Lernen, für neue Perspektiven und für das Denken in Zusammenhängen. Menschen erleben komplexe Systeme nicht theoretisch, sondern direkt. Und das verändert etwas.

Ein ganz starker Moment ist auch die gemeinsame Reflexion. Für viele ist es neu, wirklich auf Augenhöhe zuzuhören und unterschiedliche Perspektiven gleichwertig anzuerkennen. Während des Spiels verändert sich oft die gesamte Gruppendynamik und das wirkt danach weiter.

Eine der größten Stärken des Spiels ist das Mindset, das es fördert: ein echtes Yes-we-can-Mindset. Es zeigt, dass jede Handlung Wirkung hat und wie schnell Veränderung möglich ist, wenn Menschen zusammenarbeiten. Das ist enorm kraftvoll.

#schongenial: Vielen Dank für diese #schongenialen Einblicke und weiterhin alles Gute.

Dieser Beitrag fördert die UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs):
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